Über das Vermessen von Textflächen

Von Uwe Mattheiß
Mit SCHATTEN (Eurydike sagt) folgt Elfriede Jelinek den Spuren von Ovid, Monteverdi und Sigmund Freud. Entlang der Grenzen der Sprache unternimmt die Nobelpreisträgerin eine Expedition ins Unbewusste, an den Ort der Beschränkungen dessen, was wir für unsere Freiheit halten. Schatten wirft die Welt vor allem dort, wo das Licht der Vernunft hell erstrahlt. Die Aufklärung bringt neue Mythen hervor.

Einer dieser Mythen der Neuzeit ist das perfekte Paar, Mann und Frau als ideale Ergänzung, die vollständige Aufteilung der Welt in polare Einheiten. Sein Held ist Orpheus, der antike Sänger, dessen Magie Flüsse zum Stillstand bringt und die Grenzen des Todes überwindet.

Im 17. und 18. Jahrhundert ist er der Star der noch jungen Opernliteratur, in der bildenden Kunst ist das 19. Jahrhundert sein Jahrhundert. Was sagt eigentlich Eurydike dazu, die er mit seiner Kunst aus dem Hades ins Leben zurückholen will? Ihr gelten die schönsten Liebesschwüre der Musikgeschichte, von ihr selbst hört man über die Jahrhunderte wenig. Hat wieder einmal ein Mann eine Frau zum Verstummen gebracht?

Männerphantasien

Die Gründe liegen möglicherweise noch tiefer. Im antiken Mythos taucht Eurydike erst spät auf. Kulturgeschichtliche Befunde orten den Ursprung der Sängergestalt womöglich im Schamanen einer Mysterienreligion und seine Gefährtin als drogengestützte Erscheinung einer Unterweltgottheit. Sie wird in der späteren Überlieferung allmählich zu seiner treuen Gattin rationalisiert. Eine, die sich in die Projektionen des männlichen Begehrens fügt und diesen Platz als ihre Identität annimmt.

Die weiblichen Stimmen bei Elfriede Jelinek sagen zum Ende hin dezidiert nein dazu. Was zwischenzeitlich durchaus schwer fällt, locken doch Komplimente, Treueschwüre, Pensionsansprüche und eine „gut gefüllte Liebesbrieftasche“. Mr. Right scheint näher zu kommen, aber niemand geht mit. Die romantic comedy findet nicht statt. Dennoch ist der Hades bei Jelinek keine Sphäre der Entsagung, sondern ein lustvoller Ort unverhoffter Freiheiten, an dem das letzte Wort „ich bin“ lauten kann – ohne Namen, ohne Attribut, ohne Bestimmung.

Nach der Identität

Wort für Wort entwirrt Jelinek in ihrer Sprachkomposition das Geflecht aus unbewussten Prägungen und realen Machtverhältnissen, das die Geschlechter gleichermaßen aneinander fesselt und voneinander entfernt. Es ist ihr Verdienst, das Theater von der Fiktion der „Menschendarstellung“ befreit zu haben, vom Abbilden der von einem Erleben durchgängig motivierten „Figur“. Dennoch ist hier kein Satz ohne Körper. Jeder einzelne Satz entfaltet ein So-Sein, das möglich, ja beispielhaft, aber eben nicht zwingend ist und im Fortgang der Komposition jederzeit widerrufen werden kann.

Die zweifache Nestroypreisträgerin Sabine Mitterecker hat sich in ihrer Inszenierung mit Sarah Melis, Christina Scherrer und Alexandra Sommerfeld auf den Weg gemacht, die Topografie von Jelineks „Textflächen“ zu vermessen. Sie legen Zug um Zug die Strukturen der Komposition frei und entschlüsseln darin die Wege, Sprache als Klang im Raum zu entfalten. Die Präsenz der Körper und die Bilder, die Sprache evoziert, verleihen ihr für die gemeinsam geteilte Zeit der Aufführung eine fragile Existenz jenseits der Schrift, die für den Moment mit allen Sinnen erfahrbar wird.

Hades in der Sargfabrik

Das Theater geht mit SCHATTEN (Eurydike sagt) im F23 in die Fabrik, so wie es mit Sabine Mittereckers Erfolgsproduktion FROST von Thomas Bernhard (2009-2012) ins Museum gegangen ist. Es schafft neue Situationen in neuen Räumen mit seinen ureigenen Mitteln. Es erschließt verborgene Potentiale einer Architektur, die einmal anderen Zwecken diente und gruppiert ihre Funktionen zeitweilig neu – allein durch die Präsenz der Schauspielerinnen und die Entfaltung ihres akustischen Umfelds durch die Klangregie von Wolfgang Musil, unterstützt durch Licht und minimale Eingriffe in den Raum.

In der ehemaligen Sargfabrik berührt das Theater die im unaufhaltsamen Wandel begriffene Sphäre der Produktion. Hier an der einstigen Peripherie der Stadt, die gerade dabei ist zu einem Brennpunkt ihrer Ausbreitung zu werden, markiert sie den Anspruch der Kunst gegenüber der Logik wirtschaftlicher Verwertung.

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