Rede zum Nestroy-Preis 2010

"Danke... Wir freuen uns, wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung! Ich bedanke mich bei der Jury, die mit ihrer Entscheidung bekräftigt, dass es wichtig ist für das Theater, neue ungewohnte Wege zu denken und zu gehen. Ich bedanke mich bei der Bundesministerin Frau Dr. Claudia Schmied, dass sie die Wiederaufnahme von FROST ermöglicht hat. Etwas, was auch nach monatelangem zähen Ringen mit der Stadt Wien leider nicht zu machen war.

Ich erwarte mir persönlich von diesem 2. Nestroy-Preis, dass sich für mich die Arbeitssituation in der Stadt ändert;  dass wir für zukünftige Projekte mit realistischen Finanzierungen rechnen können und dass nicht der erste Reflex der kulturpolitisch Verantwortlichen ist: uje, des müssma a nu fördern.

Ich bedanke mich beim Team des MUMOK, das für einen  reibungslosen Ablauf der Vorstellungen gesorgt hat und ich bedanke mich bei unserem in jeder Hinsicht großartigen Team: Wolfgang Musil, Martina Grillhofer, Christina Russ, Uwe Mattheiss, Maresi Bartl, Christian Sarsan, Niki Krupionik, Joerg Burger, Eva Dranaz, Jochen Fill, Antonia Rahofer, Elke Hesse, Christian Brachwitz, Cosmo, Amer Abbas, Erich Joham, Martina und den Studierenden der Universität für Musik und darstellende Kunst.

Vor allen anderen danke ich dir, lieber Andreas! Du hast dich in vollem Vertrauen und bedingungslos auf  Thomas Bernhard und diese „Expedition in Urwälder des Alleinseins“ eingelassen, alles riskiert und am Ende gewonnen! Die Zusammenarbeit mit dir ist beglückend! Danke." (Rede Sabine Mitterecker, Preisverleihung 8.11. 2010, Burgtheater) 

 

 

Nestroy-Siegerin Sabine Mitterecker: Massiver Backlash im Theaterbetrieb

Wien (APA) - Am 8. November erhält die 1963 in Böheimkirchen (Niederösterreich) geborene Dramaturgin, Regisseurin und Übersetzerin Sabine Mitterecker ihren zweiten Nestroy-Preis. Im Jahr 2000 wurde ihre Inszenierung des Frauenmonologs „Nichts Schöneres“ von Oliver Bukowski im dietheater Konzerthaus als „Beste Off-Produktion“ ausgezeichnet, nun geht diese Auszeichnung an ihre Dramatisierung und Inszenierung des Thomas Bernhard-Romans „Frost“. Die gefeierte Produktion mit Andreas Patton als Protagonisten, die im November 2009 Premiere hatte, wird ab morgen, Freitag, im MUMOK wieder aufgenommen. Aus diesem Anlass beantwortete Mitterecker der APA ein paar Fragen zu ihrer Arbeit, zu Nestroy-Preis und Kulturpolitik.

APA: Am 8. November werden Sie Doppel-Nestroy-Preisträgerin - ungewöhnlich für jemanden, der in der Off-Szene arbeitet. Wie fühlt sich das an?

Sabine Mitterecker: Ich freue mich zuerst einmal über die Anerkennung für eine gelungene Arbeit. „Frost“ ist der Versuch, auch jenseits der etablierten Theaterbetriebe mit dem Theater und für das Theater Erfahrungsräume zu öffnen, die so in dieser Stadt nicht alltäglich sind. Auch darin fühle ich mich durch den Nestroy bestärkt. Im Jahr 2000 war es der Preis für eine erstmalig in Wien arbeitende, weitgehend unbekannte Regisseurin mit einem neuen Stück eines Autors, der in Wien zum ersten Mal gespielt wurde. Jetzt steht ein Werk des wichtigsten österreichischen Schriftstellers im späten 20. Jahrhundert im Mittelpunkt, dem es eine völlig neue Lesart abzugewinnen gilt, und wir tun das im MUMOK als einem der wichtigsten Museen des Landes. Die Spanne dessen, was unter die Kategorie „Beste Off-Produktion“ subsumiert wird, reicht also ziemlich
weit.

APA: Hat sich der erste Nestroy nachhaltig auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Mitterecker: Was ich in den vergangenen Jahren andernorts erreicht habe, hatte mit dem Preis und einer Off-Szene eher wenig zu tun. Ich habe danach unter anderem auch Bernhard inszeniert, den ersten „Heldenplatz“ in Österreich nach Peymann und „Am Ziel“. In Wien wiederum wird meine Arbeit dann wahrgenommen, wenn ich sie als freie Produzentin leiste. Beides zusammenzuführen, dafür fehlt bisweilen noch die Fantasie.

APA: War „Frost“ auch für Sie eine besonders geglückte Produktion?

Mitterecker: Mit fast einem Jahr Abstand zur ersten Spielserie ist vieles noch klarer und in der Form noch leichter geworden. Ein Plädoyer also für sorgfältiges Produzieren und lange Laufzeiten am Theater. Ich habe ein Jahr daran gearbeitet, diesen Stoff überhaupt auf die Bühne, bzw. ins MUMOK zu bringen. Unsere Arbeit zeigt wohl auch eines: Im Werk Thomas Bernhards gibt es noch vieles zu entdecken, was über die tagespolitische Auseinandersetzung zu Lebzeiten hinausgeht. Es ist eine Freude, ihn im Museum zu spielen, es ist ein Ärgernis, wie manche Bühnen ihn zum Museumsstück machen.

APA: Was sind Ihre Anregungen für den Wiener Kulturstadtrat oder die Kulturstadträtin der nächsten Legislaturperiode?

Mitterecker: Kulturpolitik ist auch Gender - und Migrationspolitik. Da ist noch einiges zu tun. Im Theaterbetrieb erleben wir ja in den vergangenen Jahren einen massiven Backlash. Nach dem Abgang von Emmy Werner bleiben leitende Positionen im Theater fast ausschließlich Männersache. Das scheint der künstlerischen Vielfalt an den großen Häusern nicht wirklich gut zu tun.

APA: Was sind Ihre nächsten Pläne?

Mitterecker: Ich probiere ab Ende November in Berlin „Harper Regan“ von Simon Stephens - Andreas Patton wird auch mit von der Partie sein. Für kommendes Jahr plane ich „Gewalt und Leidenschaft“ nach dem Film von Luchino Visconti. Wir arbeiten an der Finanzierung. Das Projekt gestaltet sich weit aufwendiger als „Frost“, der Beitrag der Stadt Wien fällt derzeit aber noch deutlich geringer aus. Produktionsbudgets sind keine Hausnummern, die sich nach Belieben herunter lizitieren lassen.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

 

 

Theaterräume im Auge des Taifuns

Regisseurin Sabine Mitterecker erhält 2010 den Theaterpreis Nestroy für die beste Off-Produktion des Jahres

Von Judith Belfkih

Bernhards "Frost" ab Freitag wieder im Museum Moderner Kunst.
Die Nestroys werden am 8. November im Burgtheater verliehen.

"Wiener Zeitung": Was bedeutet Ihnen der Nestroy-Preis?

Sabine Mitterecker: Die Anerkennung für eine gelungene Arbeit freut jeden Künstler, jede Künstlerin. Aber vor allem fühle ich mich auf dem Weg bestärkt, den ich bei "Frost" gegangen bin: Ein Werk des wichtigsten österreichischen Schriftstellers im späten 20. Jahrhundert noch einmal in den Mittelpunkt zu stellen, ihm eine neue Lesart abzugewinnen; im Museum für das Theater im Zusammenspiel mit der bildenden Kunst Erfahrungsräume zu öffnen, die im Theaterbetrieb der Stadt so nicht alltäglich sind.

Wie kommt man ausgerechnet auf den Roman "Frost" als Vorlage?

Ich habe am Landestheater Linz Thomas Bernhard inszeniert – "Heldenplatz" und "Am Ziel" – und bin dabei intensiv in die einzigartige Gedanken- und Sprachwelt Bernhards eingetaucht. Dann hab ich noch einmal alle seine Romane gelesen und bin bei "Frost" hängen geblieben. Dieser erste große Wurf zeichnet Motive, Haltungen und Konstellationen späterer Arbeiten weitgehend vor. "Frost" birgt im Kern den ganzen Bernhard bis zum "Heldenplatz". Das fand ich spannend.

Ist Thomas Bernhard noch aktuell?

Während der Arbeit an "Heldenplatz" beispielsweise hatte ich nie das Gefühl, mich in den Konstellationen eines vergangenen Konflikts zu bewegen. Bernhard zeigt, wie sich Vernichtung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung Wiens auch bei den nächsten Generationen als nicht auszulöschende Verstörung manifestiert. Das bleibt, auch wenn die Erregungspotenziale aus dem Skandal zur Uraufführung längst abgebaut sind. Bernhard hat noch viel zu sagen.

Wie verträgt sich Ihre Affinität zu Bernhard mit dem doch sehr befremdlichen Frauenbild, das er in seinen Texten entwirft?

(lacht) Aus diesen Stimmen spricht der Selbsthass des patriarchalisch geprägten Mannes. Sie schätzen gering an ihren über weite Strecken stummen Zuhörerinnen, was sie sich selbst versagen. Solche Passagen sind ein Konzert von Stimmen, der hässliche Klang einer schlechten Welt. Das ist oft ausgesprochen komisch, da klingt Bernhards schallendes Gelächter im Hintergrund mit. Die Deformationen des bürgerlichen Subjekts lassen sich bei ihm trefflich studieren.

Warum adaptiert man Prosatexte für das Theater – gibt es nicht genug interessante neue Stücke?

Mein Theater braucht starke Texte mit Reibungsflächen. Das finde ich unter anderem bei Bernhard und zwar in allen Textgattungen. "Frost" ist durchzogen von einem dialogischen Prinzip, Beobachtungen wechselnder Perspektiven, lauter Theatermomente. Mit diesem Material die Gattungsgrenzen zu passieren, ohne Wesentliches zu verlieren, war ein Bearbeitungsprozess über Monate. Er dauert so lange, bis jeder Satz notwendig und jeder Satz Theater ist.

Wäre "Frost" auch am Theater möglich gewesen?

Uns hat der inhaltliche Bezug von "Frost" zur bildenden Kunst ins Museum geführt. Es gibt sicher auch Theater, die den langen Bearbeitungszeitraum aushalten und die notwendige Sorgfalt. Ich finde sie aber nicht, oder sagen wir noch nicht in Wien.

Ist die Wiederaufnahme ein Resultat des Nestroy-Preises?

Nein, die zeitliche Übereinstimmung ist Zufall. Wiederaufnahmepremiere ist am 29. Oktober, im Mumok. Dann spielen wir bis 5. November. Am 8. November ist dann die Nestroy-Gala. Nach monatelangen erfolglosen Bemühungen, die Finanzierung mit Wien aufzustellen, ist dasBMUKK eingesprungen. Schön, wenn man in der Politik Menschen trifft, die tatsächlich Interesse an dem haben, was im Feld der Kunst geschieht. Dafür möchte ich Ministerin Claudia Schmied danken.

Sie erhalten den Nestroy schon zum zweiten Mal, was ist anders?

Der erste Nestroy war 2000, für meine erste Inszenierung in Wien. Es war damals schwer einzuordnen, was der Preis bedeutet, ob er sich durchsetzt. Heute nehmen mein Team und ich die Auszeichnung bewusster wahr. Die Jury goutiert, dass wir ohne eine Institution im Rücken, sozusagen im Auge des Taifuns der etablierten KultureineMarkesetzen,die so weder vorgesehen noch vorhersehbar war. Das finde ich bemerkenswert.

Sehen Sie sich als freie Theatermacherin?

Ich habe oft frei produziert und auch über Jahre im Repertoiretheater gearbeitet. Aber ich habe mich nie einer "Szene" zugerechnet. Theater bildet den Denkraum, in dem Politisches mit ästhetischen Mitteln verhandelt werden kann, das gilt seit 2500 Jahren bis heute.

Was erhoffen Sie sich vom Nestroy-Preis?

Dass eine Arbeit wie "Frost" nicht jedesmal von Neuem auf der Kippe steht, dass Projekte aufeinander aufbauen können und man nicht jedesmal bei null beginnen muss.

Ist das der Ruf nach einer mehrjährigen Förderung?

Zumindest Planbarkeit und eine dem Vorhaben angemessene Finanzierung wären gut. Produktionsbudgets sind keine Hausnummern, die sich einfach nach unten lizitieren lassen.

Oder nach der Anbindung an ein Haus?

Da stellt sich die Frage nach den Bedingungen.

Können Sie sich vorstellen, selbst ein Haus zu leiten?

Sicher.

In einer Umfrage zur Regierungsbildung in Wien haben Sie geantwortet, Sie erhoffen sich Fortschritte in der Frauen- und Migrationspolitik auf kulturellem Gebiet. . .

Eine Stadt sollte sich im Kulturleben in der gesamten Bandbreite ihrer Lebensformen und in all ihren Widersprüchen erfahren können. Im Theater gibt es da nicht wirklich Fortschritte. Nach dem Abgang von Emmy Werner vom Volkstheater sind leitende Positionen fast ausschließlich wieder Männersache. Das fördert sicher nicht die künstlerische Vielfalt.

(Wiener Zeitung/Printausgabe, 28.10.2010)